Web 2.0 - Die Omas schlagen zurück
7. Mai 2007 - am späten Abend
Nachdem ich dank Thomas Knüwers ausgezeichnetem Beitrag weiss, wie tief verwurzelt unsere Politiker und Gesetzgeber mit dem Internet sind ist mir vollkommen klar, wie es zu diesem neuen Hirnfurz kommen konnte, der heute vom Landgericht Hamburg aus in meine Nase gedrungen ist: Foren sind journalistisch-redaktionell gestaltete Angebote und daher gilt für sie eine uneingeschränkte Haftung für den Betreiber!
Das bedeutet: Der Forenbetreiber (und sicherlich dann auch der Blogger) ist für jeden einzelnen Beitrag verantwortlich. Pauschale Distanzierung im Impressum nutzen genauso wenig wie die Entschuldigung, dass man als Forenbetreiber nichts von den Einträgen wusste. Schuldig ist man allein schon deshalb, weil man den Internetdienst bereitstellt. Was kann man also als Forenbetreiber dagegen unternehmen um nicht ständig mit einem Bein im Gefängnis zu stehen, falls mal irgendein Idiot um 2:34h mitten in der Nacht einen volksverhetzenden oder besonders beleidigenden Eintrag vornimmt? Ganz einfach: sich jeden Eintrag vor der Veröffentlichung von seiner Sekretärin vorlegen lassen, bevor man ihn manuell freigibt. Ganz so, wie es vermutlich auch unser Bundesminister für Wirtschaft und Technologie Michael Glos täglich mit dem Internet im Allgemeinen handhabt. Direktes Online-stellen ade.
Tatsächlich scheint also das Web 2.0 aber auch das gesamte Internet nicht Oma-kompatibel zu sein. Nur dass die wirklichen Omas meist Opas sind und in Gerichten und Parteien sitzen. Liebe Leute, gegen so einen Unsinn muss etwas getan werden. Ahnungslose Geister die sich das Internet von anderen erzählen lassen dürfen keine Gesetze darüber erlassen. Deshalb bitte auch ich um weitere Blogeinträge zu diesem Thema.
Zum Abschluss, quasi als Sahnehäubchen hier noch der Urteilstext.
18. Mai 2007 um 15:49
Ich bin viel verwunderter, dass der Tenor dieses Urteils jemals angezweifelt wurde. Denn schließlich gibt es entsprechende Urteile schon seit mehr als 2 Jahrzehnten(!). Damals ging es um die sogenannten Mailboxen. Und es war mehrfach klar entschieden worden, wer so etwas wie ein Diskussionsboard oder Gästebuch anbietet udn somit auch eeineöglichkeit zu Verbalinjurien und sonstigen Entgleisungen schafft, dem obliegt es, sich auch um die “Sauberkeit” zu kümmern.
Wer das nicht will, schafft eben kein solches Forum.
Ich meine, siehst doch so: Du hast ein international beachtetes Magazin, wie etwa den Spiegel… würdest Du auch nur im Traum dran denken, die Leserbriefe von Hinz und Kunz anonym und ohne jede weitere moderierende Kontrolle abzudrucken? Sei ehrlich…
Oder andersrum: Sollte der Spiegel auch Leserbriefe abdrucken, die von der Wehrsportgruppe Ostwestfalen kommen und als Inhalt diverse Vorschläge haben, was man mit Ausländern, Juden, rauchenden Frauen, Schwulen, Pudeln, Webdesignern und Mac-Usern machen sollte?
Oder abgewandelt: Sollte man einer Zeitung erlauben, so was ohne weitere Kontrolle einfach international zu verbreiten?
Gruß
Marco
31. Mai 2007 um 15:08
Ich finde der Vergleich “Forum – Magazin” hinkt gewaltig. Ein passender Vergleich mit der analogen Welt ist wohl eher ein Club oder ähnliches. Übertragen auf das Urteil hieße das, der Inhaber eines Clubs ist verantwortlich für die Redebeiträge seiner Gäste – egal ob er nun auf der Toilette sitzt – oder gerade einem anderen Gespräch zuhört …
meint der Thomas
31. Mai 2007 um 23:46
Es geht aber bei Gesetzen und Urteilsfindungen nicht darum, was Du findest, sondern was de facto vergleichbar ist. Ein Magazin und ein Forum bzw. eine Webseite bzw. eine Mailbox habe ich - wie auch die Richter - deswegen miteinander verglichen, weil dort mehr oder minder anonymen Personen die Möglichkeit gegeben wird, dieses als Forum, als Meinungsplattform zu nutzen.
Oder bist Du einer der nervigen Zeitgenossen, die ich in die Mitte eines Clubs stellen und dort lauthals ihre Meinung rausgrölen - unterstützt durch Alkopops oder eimerweise Weinmixgetränke?! :-) Und dann würde der gesunde Clubbesitzer bzw. dessen Rausschmeißer eingreifen. Denn ein Clubbesitzer sorgt dafür, dass während der Öffnungszeiten jemand da ist, darauf zu achten, auch wenn er auf dem Kackbalken hockt! QED! :-)
Nein, es geht darum, dass man fremden Leuten eine Möglichkeit schafft, sich theroetisch weltweit lesbar auszukotzen. Dein Nachbar passt Dir nicht? Dein Lehrer ist doof? Du hasst Schwule, Schwarze, Frauen, Männer, Nazis, {Hier Namen einfügen}?
Dann schreib doch einfach etwas hier in diese Kommentarfunktion. Und wenn der Besitzer nix dagegen tut, wird diese Scheiße ewig hier zu lesen sein… quasi unter seinem Namen.
Wenn ich ein Forum eröffne, bei dem über irgendetwas diskutiert werden soll, dann kann ich davon ausgehen, dass es irgendwann Animositäten geben wird oder sich jemand in einer Art und Weise über das Diskussionsthema äußert, die justiziabel ist. Würde ich Dich hier namentlich ansprechen und Arschloch nennen, so erfüllte das bereits den Strafbestand nach §75 StGB.
Wenn ich das unter dem Namen Kasperle gemacht hätte und das in einem Forum, das auch Deien Freunde, Arbeitgeber und eventuelle potentielle Auftraggebe oder Kunden läsen… an wen hieltest Du dich, um die Lösung dieses Kommentars zu erreichen, hmm?
Dü könntest Dich erstmal nur an den Betreiber dieses Blogs wenden. Der hätte so gut wie keine Chance, meine richtige Identität rauszukriegen. Proxyserver und Einmalemailadressen und das wars.
Und was dann? Sagst Du dann: Tja, da kann man eben nix machen. Der Betreiber ist ja auch nicht schuld. Er kann ja nicht auf alles aufpassen. Und wenn Kasperle halt findet, dass meine Dienste Mist sind, mein Support miserabel, meine Preise Wucher, dass ich all meine Geschäftspartner betrüge und aus dem Mund rieche… dann ist das eben so. Das ist Meinungsfreiheit. Da muß ihn ja auch keiner zwingen, das zu löschen, wenn er nicht will.
Und deswegen kam ich auch auf ein Magazin. Und diesmal an DICH die Frage: Du verlegst den Spiegel. Da kommt ein Leserbrief in dem man die Deutschen auffordert, alle Schwulen, Ausländer, Moslems und Juden zu vergasen… Außerdem - so der Schreiber - hat es nie einen Holocaust gegeben… Unterschrieben hat “Kasperle”. Druckst Du den ab? Wenn ja, warum? Wenn Nein, warum nicht?
Um die technischen Gegebenheite mit Deinem Club zu vergleichen: So lange der Besitzer die Porzellanabteilung besichtigt, werden eben alle Besucher vor die Tür gesetzt…
In einem Forum oder Blog oder Gästebuch nennt man diese Funktion “Kontrolle vor Freischaltung des Beitrags”. Hat jede ernstzunehmende Software eingebaut.
Benutze ich grundsätzlich in all meinen Gästebüchern und Foren. Schon aus Respekt allen gegenüber meinen geistig gesunden Besuchern.
Gruß
Marco