In Tibet werden die Menschenrechte von der chinesischen Regierung seit der gewaltsamen Annektierung in den fünfziger Jahren mit Füßen getreten. Immer wieder haben Medien darüber berichtet, immer wieder haben sich Menschen für die Rechte der Tibeter eingesetzt. Manchmal war das Thema stärker präsent, manchmal nicht vorhanden. Aber immer dann, wenn Hollywoodstars wie Richard Gere oder die Beastie Boys sich für ein freies Tibet stark gemacht haben, berichteten die Medien oft und gerne.

Die furchtbaren Bilder die jetzt überall zu sehen sind, sind vielleicht noch erschreckender, noch stärker in ihrer Wirkung als bisherige und daher war auch bei mir ein erster Reflex der Gedanke an einen Olympiaboykott, wie er in den Blogs vom Sichelputzer oder bei Injelea gefordert wird.

Aber wem nutzt ein Boykott?

Den Tibetern? Ergreifen diese nicht vielleicht jetzt sogar ganz bewusst mit Ihren Protesten die Gunst der Stunde, durch die Olympischen Spiele wieder deutlich mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten zu sein - gerade eben weil die Spiele in diesem Jahr in China stattfinden? Ist das Thema nicht gerade deshalb interessant für TV und Zeitung? Bei weitem werden nicht alle Länder bei einem Boykott mitmachen. Wem nutzt es also, wenn ein paar westliche Länder aus Protest ihre Athleten nicht zu den Sommerspielen schicken und sie damit um die Früchte ihrer jahrelangen Arbeit bringen? Den Tibetern doch sicherlich nicht. Sie dürfen wieder auf eine neue Chance warten, bis sich irgendeine Bekanntheit ihrem Schicksal annimmt.

Was könnte helfen?

Wenn wir die Spiele in China als Chance zum Protest mit hohem Aufmerksamkeitspotenzial in einer breiten Öffentlichkeit begreifen und sie vier Wochen lang mit unseren kritischen Kommentaren und kreativen Aktionen begleiten. Lasst die Spiele stattfinden und uns als Blogger, Webworker, Programmierer und Web 2.0 Freaks das tun was, wir am besten können: Drüber bloggen und aufsehenerregende Online-Aktionen ins Leben rufen. Vielleicht sogar mit einer Art Olympia-Barcamp, bei dem wir zusammen kreative Möglichkeiten durchdenken und diese dann direkt vor Ort umsetzen - parallel zu den Spielen. Ein Ziel dabei kann sein, den Druck auf die Sponsoren stark zu erhöhen. Ihre Produkte in einem Atemzug mit Bildern von toten Tibetern, gefolterten Gefangenen, weggesperrten Desidenten - das kann doch keinem PR-ler der Welt egal sein.

Mit einem Boykott nehmen wir uns nur selbst die Chance unseren Ummut kund zu tun und das zu einem Zeitpunkt, an dem dass auch überhaupt jemand mitbekommt. Lasst uns den Spieß umdrehen und die Olympische Sommerspiele 2008 in die Olympischen Spiele von Tibet umtaufen. So können wir beachtet protestieren und trotzdem die Leistung von Sportlern feiern. Lasst uns kommunizieren und nicht boykottieren. Vielleicht wäre es sogar gut, irgendwann einmal jede sportliche Großveranstaltung, zum Beispiel auch die nächste Fußball Weltmeisterschaft in einem Land austragen zu lassen, in dem Menschenrechte nur eine untergeordnete Rolle spielen. Kritisch flankiert ermöglicht uns das doch Missstände aufzuzeigen und die ganze Welt guckt dabei zu.

5 Komentare zu “Olympiade China 2008: Kommunizieren - nicht boykottieren”

  1. Stefan:

    i agree… aber denke nicht, dass jemand boykottieren wird…

  2. habu:

    Ich denke, es ist nicht nötig festzustellen, dass das was in Tibet passiert nicht richtig ist und lange, lange Jahre nicht richtig war. Die Presse gibt die Ereignisse gut wieder - wie lange das noch möglich sein wird, steht auf einem anderen Blatt, da zurzeit Tibet von der Pressefreiheit ‘gesäubert’ wird.

    Ich war letzten Sommer in Tibet und auch in Bhutan. Den Einfluss, dien die Jahre der Unterdrückung und vor allen der Siedlungspolitik der Chinesen hat ein erschreckendes Bild hinterlassen: Die Pracht, die diese friedliche Religion, die keine Kreuzritter und missionarische Kolonialisierung kennt, ist verflogen. Sie wurde verdrängt durch Soldaten und Kommunistischen Denkmälern und den vielen lauten Videos verkaufenden Ständen vor dem Klostern zu dem die Gläubigen pilgern. Der Unterschied zu Bhutan ist frappierend. Die bunten Gebetsfahnen sind in Tibet verblichen und stumpf.

    Die Chinesen haben mit der Zeit, die der Dalai Lama mit seinem Friedlichen Ansatz gegeben hat gut gearbeitet. Die Jünger des Dalai Lama sind in TIbet den aggressiven neuen Jungen gewichen, die die Situation ändern möchten, koste es was es volle. Ein Volk der zweiten Generation in höchster Verzweiflung.

    Dieses Volk sieht jetzt seine Chance in den Olympischen Spielen die Chance die Situation zu ändern. Alles wird riskiert. In Anbetracht der menschenverachtenden Art, in der die Chinesen bekannter Weise mit Problemen der Bevölkerung umgehen, ist es vielleicht die letzte Chance, die die jungen Tibeter haben.
    Jetzt ist der Zeitpunkt, in dem wir helfen müssen.

    Der Boykott ist das was den am längsten anhaltenden und stärksten Effekt hat. Die Olympischen Spiele ist die Geste, mit der die Chinese aussagen wollen, dass sie eine Schnittstelle zur abendländischen Kultur und Wirtschaft suchen und die Globalisierung wünschen. Jetzt ist die Zeit klarzustellen, das wir diese Geste nicht akzeptieren werden, wenn die geistige Haltung dahinter nicht auch einem modernen, weltoffenen stand hat, bei dem die Menschenrechte respektiert werden und Minderheiten Berücksichtigung finden.

    Alles was wir ausser dem Boykott unternehmen können ist spätesten nach den Soielen vergessen und vorbei. Nur wen die Spiele, die nur alle 4 Jahre statt finden durch den Boykott zum Mahnmal werden, ist etwas mächtiges von anhaltender Dauer inszeniert worden.
    Wenn nur wenige andere Länder kommen, wird an jeder der zahlreichen Medaillien, die die Chinesen unter sich verteilen Blut kleben und es wird immer die Frage gestellt werden müssen, warum die Spiele boykottiert wurden.
    Es ist die historische Dimension der Spiele, die in die Waagschale geworfen werden muss. Jede Aktion, ob aktiv kontra-bloggen oder passiv keine Berichte schauen, ist dagegen ein Tropfen auf den heissen Stein.

    Wenn uns etwas an der Freiheit dieser höchst gluabigen Menschen liegt, sollten wir auch unsere Glaubensgemeinschaft fragen, wie sie dazu steht. Und wehe ein Religion sagt, es könne, wolle oder dürfe dazu nix sagen oder unternehmen. Dann hat sie meiner Meinung nach den eigenen Anspruch auf Existenz verwirkt und kann nur darauf warten selber ausgelöscht zu werden, wie es mit dem Tibetischen Buddhismus passiert (den in Bhutan ist der Druck der Chinesen auch enorm.)

    Wir befinden uns in der Situation, uns zu fragen, ob wir helfen wollen. Wenn dann sollten wir es mit aller Kraft tun, die wir besitzen: Boykott und Aufruf der Stellungnahme aller Religionen und deren Kirchen.

    Bei der Olympiade geht es nur um ein Spiel. Was in Tibet passiert ist nicht mit einem Spiel vergleichbar. Jetzt ist der Zeitpunkt die Chinesen zum stets geforderten Kompromiss zu zwingen Tibet als autonomen Distrikt Chinas etablieren. Damit sind die Chinesen angesichts der Vergangenheit noch gut weggekommen.

    Olympia in China 2008? Wir Spielen nicht wir kämpfen!

  3. Daniel Peters:

    Wow, was für ein Kommentar. Sehr gut, das ganze aus einer sehr nahen Perspektive zu lesen. Ich bin begeistert.

    Dennoch fühle ich mich momentan sehr ratlos. Was ist wohl effektiver? Ein Boykott der olympischen Spiele mit großem Ausmaß, über den die Welt Jahre später noch redet oder eben Aufklärung während der Spiele und Aktionen, Hinweise, wie Michael es fordert.

    Ich befürchte das nichts von dem wirklich helfen wird. Gegen die Macht eines gesamten Staates ist es nur schwierig anzukommen. Hier kann meines Erachtens hauptsächlich politisch agiert werden.

    Dennoch: Ich werde mich an Aktionen beteiligen und hoffen, dass sie etwas bewirken können.

  4. Bodo Schönfelder:

    Wenn der Westen Leute in Massen umbringt kein Problem. Wir sind ja Demokraten. Wo bleiben die Boykottaufrufe gegen die USA, Großbritannien und andere, die in den Irak einmarschiert sind. Unter Herrschaft des Dalai Lamas haben kritische Geister Jahre in tibetischen Gefängnissen verbracht und sind misshandelt worden. Der jetzige Dalai Lama war zwar ein Kind, aber nicht sein Herrschaftsapparat. Das war eine ziemlich harte Feudalherrschaft. Womit ich die Ereignisse nicht rechtfertige. Wo bleibt die Forderung des Ausschlusses einiger südamerikanischer Staaten, die die Indiobevölkerung ausrotten, wo der Ausschluss der Türkei, bis die Kurden und Armenier autonome Provinzen bekommen, Marakkos wegen der Prolisario, wo Israels. Aber das romantische Bild der Tibeter ist ja viel schöner.

  5. Dirk:

    na mal sehen, vielleicht gehen ja die Franzosen als gutes Vorbild voran und boykottieren immerhin die Eröffnungsfeier. Wäre auf jeden Fall ein Fingerzeig.

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