Rückblick re:publica 2008

6. April 2008 - am Nachmittag

Am letzten Abend der republica gab es noch ein sehr nettes Beisammensein mit Freibier und Freebeer (was nicht dasselbe ist, siehe hier) im newthinking store. Als Jovelstefan mir sein Mikro unter die Nase hielt und um ein persönliches Fazit zur re:publica bat, sagte ich spontan: “Hätte man sich auch sparen können.” Uups, damit war ich wohl der erste, der nach fünfzig gesammelten Fazits etwas negatives sagte. Naja, so negativ sollte mein Fazit eigentlich gar nicht sein. Aber ich hatte halt nur einen Satz, daher hier nun etwas ausführlicher.

Mein Resümee muss mehrteilig ausfallen um der re:publica gerecht zu werden. Das Positive: Ich habe dort mit sehr vielen Leuten, sehr interessante Gespräche geführt (die meist noch beim gemeinsamen Abendessen weitergeführt wurden), viel gelacht, Spaß gehabt und wie schon im Vorjahr massenhaft merkwürdige Matelimo getrunken. Das war toll. Auch der Veranstaltungsort, die Kalkscheune war wieder einmal klasse. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt und irgendwie hatte das alles etwas von Klassenfahrt.

Nicht so prickelnd fand ich allerdings das Programm der re:publica, also die Sessions und besonders die Podiumsdiskussionen. Schon beim Lesen des Programms war ich erstaunt darüber, welche Sessions in einem Workshop Raum und welche im großen Saal stattfinden sollten. Die Gleichung: Alle Podiumsdiskussionen im großen Saal und alle Sessions in denen nur einer vorträgt in kleineren Räumen stattfinden zu lassen, ging für mich nicht auf. Klar saßen im großen Saal immer viele Leute, aber sicherlich auch deshalb, weil die kleinen teilweise gnadenlos überfüllt waren. Zwischen den einzelnen Panels gab es auch leider keine Pausen. Überzog jemand seine Session, hatte man daher ein Problem sich noch einen Platz in der nächsten zu ergattern.

Aber auch inhaltlich waren die Sessions nicht immer das Gelbe vom Ei. Ein Beispiel: Die Podiumsdiskussion Geld verdienen mit Blogs - reloaded. Wer hier erwartete, irgendetwas über mögliche Konzepte zu erfahren, Vorschläge von Profis abgreifen zu können oder sich zumindest von ihnen anregen zu lassen, wurde - wie auch im letzten Jahr - herbe enttäuscht. Wie bereits 2007 gingen von einer gefühlten Stunde bereits eine halbe für das gewohnte Adical Bashing drauf, 15 weitere Minuten wurde auf Trigami rum gehackt und den Rest der Zeit gab es so sinnvolle Anregungen, wie zum Beispiel die von Robert Basic, man müsse als Blogger doch nur mal den Hintern hochkriegen, das Telefon in die Hand nehmen und bei den Unternehmen anrufen. Dann klappe das schon mit der bezahlten Werbung im eigenen Blog. Mit Verlaub, aber das ist wirklich Quatsch. Wie soll das denn funktionieren? Microsoft - Guten Tag. Bitte sagen Sie 1 wenn Sie sich über unsere Produkte informieren, 2 wenn Sie ein Produkt kaufen möchten und 3 falls wir auf ihrem Blog werben sollen. Robert Basics Zugang zu diesem Thema erinnert mich ein wenig an die Geschichte vom weltfremden Professor, der seinen Studenten einen Sachverhalt mit einem Beispiel erläutern möchte: “Nehmen wir einmal an, sie kaufen ein Brötchen für einen Euro”, Lachen im Auditorium, der Professor schaut irritiert, lächelt verständnisvoll und fährt fort: “Nehmen wir an, Sie kaufen ein Brötchen für zwei Euro.”

Ein anderes Beispiel: Die Session “Die Greenpeace Internet Strategie - Neue Wege der Kommunikation.” Hörte sich spannend an, war es aber nicht. Wir bei Greenpeace haben erkannt, dass wir den Schritt vom Monolog zu Dialog gehen müssen. Daher machen wir jetzt was mit Blogs, Communities und was mit bekannten Social Networks - Punkt. Das war so ungefähr die komplette inhaltliche Erläuterung des Konzepts. Wer erwartete, dass das Ganze im weiteren Verlauf detaillierter vorgebracht wird, war auf dem Holzweg. OK, dann muss man halt mal selber nachfragen, welche Ideen dahinter stecken, was denn die geplante Community leisten soll, welche Features angedacht sind, ob bereits irgendwelche Erfahrungen mit Weblogs gesammelt wurden, z.B. durch Mitarbeiterblogs im Intranet, wie denn die Zusammenarbeit mit bekannten Social Networks geplant ist, etc. Aber all das schien im Detail überhaupt noch nicht festzustehen. Jetzt kann es ja sein, dass Greenpeace uns noch nicht am Megaplan teilhaben, die Katze nicht zu früh aus dem Sack lassen möchte. Aber dann muss man doch dazu auch keine Session anbieten, oder? Da taucht bei mir schon die Frage auf, ob Greenpeace allein wegen des bekannten Namens teilnehmen durfte.

Die Sessions “Was ist öffentlich-rechtlich im digitalen Zeitalter? Die Internet-Strategie der ARD im Realitätscheck” und “Wenn Politiker ins Internet sprechen - wie verändert Video die politische Kommunikation im Netz?” haben mir noch einmal gezeigt, dass das Konzept der Podiumsdiskussion überholt ist. Denn interessant wurde es immer nur dann, wenn die Fragen aus dem Publikum kamen. Die SMS-Wand war zwar klasse, wurde aber zuwenig in die Diskussion mit einbezogen. Wohl auch deshalb, weil der Bildschirm fürs Podium deutlich zu klein ausfiel. Ein anderes Problem: Die Moderatoren waren teilweise mit ihren Aufgaben überfordert. Professionelle Vielredner durften ungehindert viel und ausschweifend berichten (z.B. die ARD Frau), andere wurden vom Moderator dafür aber kaum angespielt und kamen mit ihren, zum Teil viel interessanteren Ansichten, gerade mal auf 2 - 3 kärgliche Wortbeiträge.

Trotzdem werde ich wohl auch im nächsten Jahr gerne wieder dabei sein. Abends beim Freebeer sprach dann auch mal jemand das eigentlich Undenkbare aus: Wenn das Meet & Greet so wichtig und gut ist, die Sessions aber zu einem großen Teil nicht, warum lassen wir die dann nicht einfach bleiben und treffen uns nur so? Ach Quatsch, oder?

4 Komentare zu “Rückblick re:publica 2008”

  1. Stefan Nitzsche:

    Besser hätte ich’s nicht formulieren können, mein Eindruck deckt sich komplett mit Deinem.

  2. Daniel Peters:

    Same with me.

  3. emzo:

    das wäre ja dann ne pl0gbar oder?! :D
    danke für den rückblick, gerade für daheimgebliebene wie mich ist das immer interessant zu lesen. nächstes mal bin ich hoffentlich wieder dabei, dann machen wa auch wieder schlafsack-musik-quiz mit emzos jukebox aka macbook :DD

  4. Michael Bielitza:

    @emzo Oder besser pl0gcamp.

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